Reitlehrers Albtraum Bild &Text

Von Carolyn Bertol
Und wieder kommt eine neue Mutter mit einem neuen Kind, vielleicht 6, 7 oder 8 Jahre alt. Die Mutter mit ganz festem Blick und dem Satz auf den Lippen:“Mein Kind will reiten“.
Der einfühlsame Reitlehrer fragt erst mal ganz hoffnungsvoll nach Erfahrungen mit Reiten und mit Pferden. „Jede Menge!“ In jedem seiner Urlaube sei das Kind bisher geritten und auf dem Ponyhof wären sie auch schon gewesen. Da habe die Mutter das Kind eine ganze Stunde durchs Gelände geführt und es säße echt toll auf dem Pferd. Ein wahres Naturtalent halt.
Wie man denn zweifeln könne? Und überhaupt: Das Kind liebt Pferde über alles und seit es sprechen kann, will es nichts anderes als reiten. Reiten. Reiten. Reiten. Noch länger kann man unmöglich warten, dann schließt sich nämlich das Zeitfenster, wo das Kind es am besten und am mühelosesten lernt, das Reiten.
Das Kind ist bisher nicht zu Wort gekommen. Es sagt gar nichts. Dafür passt aber das Styling und die perfekte Ausstattung: Reithose, Stiefeletten, Chaps, Helm und Weste. Und Handschuhe. Die sind ganz wichtig. Und die behält man an, wenn man beim Pferd ist. Immer! Wahrscheinlich liegen Gerte und Sporen noch im Auto, man hat es nur vergessen sie mitzunehmen.
Mit sanfter Stimme sagt die Reitlehrerin: „Komm Kind, wir holen gemeinsam das Pony aus dem Paddock und richten es dann her!“ und zur Mutter: „Sie können gerne in einer Stunde wiederkommen und Ihr Kind abholen!“. Nein, das ginge jetzt nicht und man wolle zusehen.
Das Kind schaut ganz entsetzt. „Pony holen? Wieso ist das noch nicht fertig? Wir sind doch hier zum reiten!“
Nein Kind, zuerst müssen wir das Pony holen, putzen und satteln. Denn wer reiten will, muss sich auch ums Pony kümmern.
Kind und Reitlehrer wandern zum Paddock. Kind strahlt: Ponies! Wie süß! Die sehen genauso aus wie mein Plüschpferd, das ich zuhause immer reite. – Dann komm Kind, wir holen das jetzt. – Reitlehrer ist nett und zieht das Pony vom Paddock. Kind darf Pony führen. Leider hat Kind trotz jahrelanger Erfahrung keine Führungsqualitäten und Pony setzt sich erbarmungslos durch. Es geht nämlich zum Grasbüschel. Da kann Kind zerren und ziehen – Pony frisst erst mal.
Gemeinsam wird das Pony dann doch zum Putzplatz gebracht und angebunden. Kind kann leider keinen Knoten machen, da man mit Handschuhen so wenig Gefühl in den Fingern hat. Aber dann beim Putzen sind die Handschuhe ganz wichtig. Da macht man sich die Hände nicht so schmutzig. So ein Pony ist aber auch dreckig. Da fliegen einem ständig die Haare und der Staub ins Gesicht.
Zumal hat dieses Tier einen großen Fehler: Es bewegt sich. Vorne kann es beißen und hinten kann es treten. Kind putzt mit sehr langem, ausgestrecktem Arm. Nur nicht zu nahe ran gehen. Das könnte gefährlich sein. Und sobald das Pony den Kopf dreht, macht es einen erschreckten Satz nach hinten. Zwei Meter rückwärts aus dem Stand. Bleibt da stehen, den Striegel in der Hand und beäugt misstrauisch das Pony: Bewegt es sich nochmal? Reitlehrer hat ein Einsehen und stellt sich dem Pony an den Kopf. Das gefährliche Tier muss in Schach gehalten werden.
Aus dem Hintergrund meldet sich die Mutter: Das Kind liebt Pferd ja so sehr! Kennt alle Bände von Sternenschweif. Und ist so furchtlos. Leider hat es eine kleine Speichelphobie, weshalb es auch gleich anfängt zu weinen, als das Pony versucht, ihm die Hand zu lecken. Aber das gibt sich bestimmt bald.
Mit vereinter Kraft gelingt es irgendwann, das Pony ist sauber. Tja, dann wären da noch die Hufe. Die muss man auskratzen. Beim Reitlehrer sieht das ganz leicht aus. Aber der hat ja auch Übung. Kind tut sich schwer. Huf festhalten und gleichzeitig auskratzen und das alles mit Handschuhen, die man nicht dreckig machen will. Schwierig! Reitlehrer kann es irgendwann nicht mehr sehen und kratzt selbst aus. Vor allem auch, weil Pony allmählich keine Lust mehr hat, das Kind ständig an sein Bein klopft und „Fuß“ flüstert.
So, jetzt nur noch satteln und trensen und schon ist das Pony fertig. Endlich: Kind kann reiten. Deshalb sind wir doch hier. Mit Longe, Peitsche, Pony und Kind geht es in die Bahn. Schon meldet sich die Stimme aus dem Hintergrund: Wann kann das Kind denn alleine reiten? Und wann sind die Ausritte?
Reitlehrer meint, er muss erst mal sehen, wie das Kind reitet. Kind wird also aufs Pferd gehievt und verschnallt. Und schon geht es los. Okay – Schritt klappt, obwohl Kind mit der Körperspannung eines Mehlsackes auf dem Pony hängt. „Bist du schon mal getrabt?“ „Ja, ganz oft.“ Dann los. Bestimmt ist das Kind schon getrabt. Aber da saß es wohl nicht auf einem Pferd. Alle Versuche, dem Kind das Thema „Leichttraben“ nahe zu bringen scheitern. Kind kennt weder Eins noch Zwei noch rechts oder links. Kontrolle über seine Extremitäten hat es auch nicht. Alles schlackert unkontrolliert am Pferd. Von außen tönt die Mutter: „Können Sie nicht noch galoppieren? Das macht das Kind so gern.“ „Äh – nee.“
Da man so lange zum putzen und satteln gebraucht hat, ist fürs Reiten dann auch leider nur noch 10 Minuten Zeit. Kind ist enttäuscht. Generell. Das hat es sich alles ganz anders vorgestellt. Leichter. Sauberer. Mehr so wie im Buch. Mit wehenden Haaren. Und ohne Longe. Draußen.
Am nächsten Tag ruft dann die Mutter an. Kind hat es sich überlegt: Es hat doch keine Lust. Ist ihm alles zu anstrengend und irgendwie ganz anders. Man würde sich dann wieder melden. Irgendwann. Wenn das Kind vielleicht wieder will.

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